← Insights

Vier Anlässe, vier CFO-Profile

Nicht die Unternehmensgröße entscheidet über das richtige CFO-Profil, sondern der konkrete Anlass der Besetzung – eine Unterscheidung, die im Mittelstand systematisch unterschätzt wird.

Tobias Jaeger · Partner · Head of CFO Practice5 Min. LesezeitFachbeitrag

Der Fehler beginnt vor der ersten Kandidatensichtung. Ein Inhaber beschließt, einen CFO zu suchen, zieht eine Ausschreibung aus einer früheren Besetzung oder aus dem Internet, ergänzt sie um ein paar mittelstandsspezifische Schlagworte und gibt sie weiter. Das Ergebnis ist ein Profil, das IFRS-Kenntnisse verlangt, obwohl keine Pflicht zur internationalen Rechnungslegung besteht, eine Führungsspanne von achtzig Mitarbeitern erwartet, obwohl die Finanzabteilung aus sechs Personen besteht, und Kapitalmarkt-Erfahrung fordert, obwohl das Unternehmen nicht börsennotiert ist.

Dieses Profil filtert präzise die falschen Kandidaten herein und die richtigen heraus. Es zieht Menschen an, die im Konzernumfeld sozialisiert wurden und im Mittelstand nicht bleiben werden. Und es schreckt genau die ab, die in einer eigentümergeführten Struktur wirklich liefern könnten.

Der Ausgangspunkt muss ein anderer sein: nicht die Unternehmensgröße, nicht das, was ein CFO im Allgemeinen können sollte, sondern der Anlass der Besetzung.

Vier Typen, vier Schwerpunkte

Jeder CFO bedient im Laufe seiner Karriere mehrere Felder. Aber in den ersten achtzehn Monaten eines Mandats entscheidet ein Schwerpunkt darüber, ob jemand Tempo macht oder sich einarbeitet. Vier Profile sind im Mittelstand relevant.

Der Controlling- und Zahlen-CFO baut Transparenz dort auf, wo bisher keine war. Er entwickelt eine belastbare Kostenrechnung, saubere Abschlüsse und einen Forecast, der diesen Namen verdient. Er passt, wenn niemand im Haus verlässlich sagen kann, womit das Unternehmen wirklich Geld verdient – nach Produkt, Kunde oder Standort.

Der Finanzierungs-CFO kennt Hausbanken, Covenants, Working Capital und Fördermittel aus der Praxis. Er ist der richtige Ansprechpartner bei einem Investitionsstau, einer angespannten Bilanz oder einer anstehenden Refinanzierung. Wachstumsschritte, die Kapital binden, brauchen dieses Profil.

Der strategische Sparringspartner denkt Geschäftsmodell, Preisstruktur, Portfolio und Kapitalallokation mit dem Inhaber. Er passt, wenn die Zahlen stimmen, die Richtung aber offen ist. Dieser Typ ist weniger Buchhalter als Gesprächspartner auf Augenhöhe – und er funktioniert nur, wenn der Inhaber diesen Austausch tatsächlich will.

Der Transformations- und M&A-CFO begleitet Zukäufe, Carve-outs, Post-Merger-Integration und ERP-Umbauten. Er passt, wenn das Unternehmen seine Struktur verändert, nicht nur seine Leistung verbessern will. Dieses Profil ist das speziellste und das am schwersten zu besetzen, weil echte Transaktionserfahrung im Mittelstand selten ist.

Diese Typen sind Schwerpunkte, keine Persönlichkeitskategorien. Ein Kandidat kann mehrere Felder bedienen. Die Frage ist nicht, was er grundsätzlich kann, sondern was er in den nächsten zwei Jahren als erstes liefern muss.

Vier Anlässe, vier Antworten

Wer den richtigen Schwerpunkt sucht, muss zunächst den eigenen Anlass verstehen. Im eigentümergeführten Mittelstand gibt es vier klar unterscheidbare Situationen.

Erstbesetzung. Bisher gab es keinen CFO. Der Steuerberater lieferte den Jahresabschluss, die Buchhaltung lief im Haus, der Inhaber hatte die Zahlen im Kopf. Ein erster CFO bringt Planung, Steuerung und eine zweite Meinung.

Der Inhaber tauscht dabei ein Informationsmonopol gegen Entscheidungsgrundlagen. Bisher wusste er als Einziger, wie das Unternehmen finanziell wirklich dasteht. Künftig weiß es ein Zweiter, und dieser Zweite wird widersprechen. Diesen Tausch muss ein Inhaber wollen, nicht nur zulassen. Erstbesetzungen scheitern selten am Kandidaten. Sie scheitern an einem Inhaber, der die Rolle bestellt, aber die Konsequenz nicht erträgt.

Gefragt ist hier fast immer der Controlling- und Zahlen-CFO. Wer nie eine belastbare Steuerung hatte, braucht zuerst ein Fundament und keine Transaktionserfahrung.

Neubesetzung. Die Rolle existiert, der Amtsinhaber geht, das Unternehmen bleibt wie es ist. Hier ist die Versuchung groß, das alte Anforderungsprofil einfach zu reaktivieren. Das kann richtig sein, muss es aber nicht. Die Frage lautet: Hat sich der Bedarf des Unternehmens in der Zwischenzeit verändert? Wer das nicht prüft, besetzt rückwärtsgewandt.

Das Profil ergibt sich in diesem Fall nicht aus der Vergangenheit der Stelle, sondern aus dem, was in den nächsten drei Jahren ansteht. Von allen vier Anlässen ist dieser der einzige, bei dem tatsächlich jedes der vier Profile richtig sein kann.

Neuausrichtung. Die Rolle existiert, aber das Unternehmen wird ein anderes. Ein neuer Gesellschafter tritt ein, ein Investor beteiligt sich, das Geschäftsmodell ändert sich, die Internationalisierung beginnt. Der amtierende CFO ist oft nicht das Problem – aber sein Profil passt möglicherweise nicht mehr zu dem, was das Unternehmen als nächstes braucht. Diese Situation verlangt Ehrlichkeit gegenüber dem bisherigen Stelleninhaber und Klarheit über das neue Anforderungsbild.

Gesucht wird hier der Transformations- und M&A-CFO, bei kapitalintensiven Schritten der Finanzierungs-CFO. Beide Profile haben gemeinsam, dass sie einen Zustand verändern sollen, statt ihn zu verwalten.

Nachfolge. Ein langjähriger CFO geht, häufig nach zwanzig Jahren oder mehr. Das ist die unterschätzteste der vier Situationen.

Was ein langjähriger CFO wirklich hinterlässt

Im Organigramm steht eine Position. Was tatsächlich geht, steht dort nicht.

Gewachsene Bankkontakte existieren auf Personenebene, nicht auf Unternehmensebene. Der scheidende CFO kennt den zuständigen Firmenkundenberater seit Jahren, weiß, wie die Bank intern entscheidet, und hat Vertrauen aufgebaut, das sich nicht übertragen lässt, sondern neu erarbeitet werden muss.

Implizites Wissen über Verträge, Sonderfälle und Historie ist nirgends dokumentiert. Der CFO weiß, warum eine bestimmte Kundenvereinbarung so aussieht wie sie aussieht, welche Ausnahme einmal mündlich zugesagt wurde und welche Abschreibung eine Geschichte hat. Sein Nachfolger weiß das nicht.

Vertrauen von Inhaber, Beirat und Team entsteht über Jahre. Der neue CFO beginnt bei null.

Diese Lücke lässt sich schließen, aber nur bewusst. Ein Übergabezeitraum mit echter Überlappung ist kein Luxus, sondern Risikomanagement. Gemeinsame Bankgespräche übertragen Beziehungen. Dokumentierte Sonderthemen ersetzen Kopfwissen. Eine klare Ansage an das Team, wer ab wann entscheidet, verhindert Orientierungslosigkeit in der Übergangsphase.

Für das Profil folgt daraus etwas Unbequemes: Bei einer Nachfolge entscheidet weniger, welcher Typ auf dem Papier passt, als wie schnell jemand Beziehungen aufbaut. Die fachliche Frage ist hier meistens die kleinere.

Drei Fragen vor dem ersten Gespräch mit einem Berater

Die Zuordnung von Anlass und Profil ist keine Formel, aber sie ist auch nicht beliebig. Erstbesetzung verlangt ein Fundament, Neuausrichtung Umbaufähigkeit, Nachfolge Beziehungsarbeit. Nur die Neubesetzung lässt alle vier Profile zu – und genau deshalb wird sie am häufigsten falsch besetzt.

Bevor ein Inhaber ein Suchmandat vergibt, sollte er drei Fragen für sich beantworten können.

Erstens: Was ist der konkrete Anlass dieser Besetzung, und was hat sich verändert seit der letzten?

Zweitens: Was muss der neue CFO in den ersten zwölf Monaten konkret anders machen oder neu aufbauen, und was davon ist heute noch nicht im Unternehmen vorhanden?

Drittens: Welche Einschränkungen gelten wirklich, zum Beispiel kulturell, strukturell oder hinsichtlich der Entscheidungsautonomie des künftigen CFO, und welche davon sind verhandelbar?

Wer diese Fragen beantwortet hat, hat kein vollständiges Anforderungsprofil, aber er hat etwas Wertvolleres: ein ehrliches Bild der eigenen Situation.

Das Anforderungsprofil ist kein Dokument für den Berater. Es ist die erste ehrliche Selbstauskunft des Unternehmens darüber, wo es steht, wohin es will und welche Art von Mensch es dafür braucht. Wer dieses Dokument vom Bedarf her denkt statt von einer Vorlage, hat die eigentliche Sucharbeit bereits begonnen.

Sie besetzen eine Schlüsselposition?

Wir sprechen vertraulich und auf Partnerebene über Ihre Situation, bevor ein Mandat entsteht.